Seit mehr als drei Jahren war ich nicht mehr alleine unterwegs. Früher war ich oft allein auf Reisen - einmal sogar sechs Monate am Stück. Und jetzt sollten es nur zwei Tage werden. Trotzdem waren Aufregung und Zweifel groß.
Aber von Anfang an: wie kam es überhaupt dazu?
Im Sommer spürte ich in mir eine Sehnsucht auf Abenteuer. Ich wollte wieder einmal einen kleinen Trip alleine machen. Irgendwann kam mir die Idee, dass ich doch schon immer einmal die Weihnachtsstimmung in London erleben wollte. Ich kannte London schon von früheren Besuchen, also würde es sich perfekt für einen Kurztrip eignen.
Erste Zweifel beim Flug-Buchen ...
Die Entscheidung war also gefallen und damit begann auch die Achterbahnfahrt in mir drinnen.
Ich suchte nach Flügen, die preislich im Rahmen waren. Als ich die passenden fand, schoss mir Aufregung durch den Körper. Ich freute mich, dass es wirklich umsetzbar sein würde.
Und damit kamen die ersten Zweifel: Soll ich wirklich buchen? Kann ich das einfach machen? Ich hab doch zwei kleine Kinder zuhause!
Ich brauchte ein paar Anläufe. Aber in einem mutigen Moment, klickte ich einfach auf den Buchen-Button. Der nicht stornierbare Flug war gebucht, es gab kein Zurück mehr.
Die Abenteuerlust in mir hatte gewonnen und meine erste Solo-Reise als Mama war gebucht. Ich konnte mir ein breites Grinsen nicht verkneifen.
Kurz vor Abreise hatte ich plötzlich keine Lust mehr zu verreisen ...
Der Tag rückte näher, alles war vorbereitet – nur Ich war innerlich irgendwie nicht bereit. Es wirkte unrealistisch auf mich, dass ich bald allein in London sein würde. Ich war doch so lange schon nicht mehr alleine unterwegs, ich hab mich sehr daran gewöhnt, meinen Mann dabei zu haben.
Ich machte mir über die banalsten Dinge Sorgen - war mein Englisch noch gut genug? Finde ich mich zurecht? Wo soll ich essen?
Schon verrückt, wenn man bedenkt, dass ich all das schon einmal sechs Monate lang problemlos hinbekommen hatte. Ein Teil von mir hatte einfach Angst.
Am Tag vor der Abreise lernte ich noch etwas Neues kennen. Ich war äußerst irritiert, als ich feststellte, dass ich mich gar nicht auf diese Reise freute, ich hatte keine Lust mehr darauf. Ich war müde, erkältet, und zuhause war es ja so gemütlich.
Keine Lust auf Abenteuer? Ich? Die Verena?
Ein unangenehmes Gefühl und wie es sich veränderte …
Ich hörte in einem ruhigen Moment in mich hinein und da war es - das Schuldgefühl. Ich fühlte mich schlecht, mir als Mama rauszunehmen, einfach meinen Mann mit den beiden Kindern allein zu lassen.
Als LSB weiß ich, dass Gefühle Raum brauchen. Auch wenn sich etwas in mir wehrte, ließ ich das Gefühl zu – ohne es zu hinterfragen.
Ich nahm immer wieder wahr, was das Schuldgefühl mit mir körperlich machte und nach ein paar Stunden beobachtete ich, wie es sich veränderte.
Am Nachmittag war ich gerade dabei, meinen Rucksack zu packen, als plötzlich die ersten Funken von positiver Aufregung und Vorfreude hochkamen, und sich im Laufe des Abends verstärkten.
Dieses prickelnde Gefühl in meiner Brust, das ich schon von früheren Abenteuern kannte, gab es also doch noch. Ich musste über mich selbst schmunzeln.
Auf nach London …
Am nächsten Morgen ging es endlich los. Ich stand am Flughafen, wartete aufs Boarding, dachte an Zuhause, und wurde traurig. Nur zwei Stunden nachdem ich von zuhause weggefahren bin, vermisste ich meinen Mann und meine Kinder.
Gleichzeitig spürte ich aber auch, wie sich mein Körper entspannte, das Nervensystem runterfuhr und ich aus dem Mama-Alarm-Modus ausstieg. Niemand würde mich in den nächsten Stunden brauchen. In mir breitete sich eine angenehme innere Ruhe aus.
Im Flugzeug stellte ich bald fest, dass genau in der Reihe hinter mir ein Elternpaar mit seinem Baby saß. Als das Baby während des Flugs unruhig wurde und zu weinen begann, ertappte ich mich bei dem Gedanken „not my business today“ („nicht meine Angelegenheit“). :-D Welche Entspannung. Welche Freiheit.
Die Ankunft am Flughafen ...
Ich stieg aus dem Flugzeug, erledigte die Passkontrolle und folgte den Exit-Schildern. In einem ganz banalen Moment überkam es mich. Ich ging auf den für Flughäfen typischen Rollbändern entlang. Da breitete sich plötzlich eine Welle von Stolz in mir aus. Ich grinste von einem Ohr zum anderen. "F*ck yes, I just did it and here I am now." („Verdammt, ja, ich habs geschafft.“) Ich fühlte mich innerlich so stark, so groß, so lebendig. Am Rollband von Terminal 2.
Ich habe den Weg von der Sehnsucht nach Abenteuer über Zweifel und innere Konflikte gemeistert – und mich einmal mehr aus meiner Komfortzone gewagt. In meinem Tagebuch hab ich die Worte "World-trip Veri is still there" („Welt-Reise-Veri lebt noch in mir“) stehen.
London will erkundet werden …
Als erstes wollte ich unbedingt zur Tower Bridge fahren – dem Symbol Londons. Die U-Bahn-Fahrt würde einige Zeit dauern, also machte ich es mir bequem und ließ stellenweise die Landschaft an mir vorüberziehen. Ich fuhr bei einer Baustelle mit mehreren Kränen vorbei. „Das hätte meinem Sohn gefallen“, dachte ich und überlegte, was meine Familie zuhause wohl gerade machen würde.
An Zuhause und wie es wohl laufen würde, dachte ich öfters während meines Trips, auch wenn ich wusste, dass mein Mann alles gut im Griff haben würde. Der Mama-Modus lässt sich halt doch nicht einfach abschalten. Mir war aber auch klar, dass ich nicht einfach schnell nach Hause kommen und meinen Mann unterstützen konnte, wenn das Chaos ausbrechen sollte. Mit diesem Wissen ist es mir gut gelungen, die Zeit zu genießen und voll im Moment – also in London – zu sein.
Das Gefühl von purer Freiheit …
An meinem ersten Ziel angekommen, ging ich auf die Tower Bridge zu. Blauer Himmel über mir, kalte Luft spürte ich im Gesicht - und plötzlich: pure Freiheit. Ich konnte einfach drauflos spazieren, ohne Plan, ohne Kompromisse. Weite und Energie erfüllten jede Faser meiner Brust. Schuld und Zweifel waren wie weggeblasen.
Am Nachmittag checkte ich in mein Hotel ein. Ich war erschöpft vom langen Unterwegs-Sein und zuerst kam es mir gar nicht in den Sinn. Dann fiel mir ein, dass ich ja einfach eine Pause am Hotelzimmer machen konnte. Und zwar so lange, wie Ich wollte. „YES!!!“ („Juhu!!!“)
Drei Stunden gönnte ich mir zum Ausruhen, bis ich mich wieder auf die Straßen Londons begab. Eine Zeit später fand ich mich inmitten der ersehnten Weihnachtsstimmung wieder. Meine Augen müssen gefunkelt haben. Weihnachtslieder, rote Doppeldecker-Busse, Lichterketten über den Straßen, der Duft von gebrannten Mandeln. Ich atmete ruhig, während mein Herz Luftsprünge machte.
Ausgeschlafen startete ich in den neuen Tag …
Der nächste Morgen begann äußerst entspannt. Bis zum Check-out vertrieb ich mir die Zeit mit einer Serie, einem gemütlichen Frühstück und einem Telefonat mit meiner Familie. Schneller als gewollt war ich dabei wieder in meiner Mama-Rolle. Schneller als gedacht konnte ich sie nach dem Anruf aber wieder verlassen, denn meine letzten Stunden in London waren angebrochen.
Ich klapperte noch ein paar Weihnachts-Spots ab und gönnte mir zum Abschluss eine heiße Schokolade an einem Weihnachtsmarkt. Dankbar blickte ich auf diese besondere Zeit zurück.
Die zwei Tage waren genau richtig …
Zwei Tage nur für mich, nach meinem Tempo, nach meinem Befinden. Zeit für mich selbst, für Reflexion und Tagebuchschreiben. Genau das hatte ich gebraucht.

Meine wichtigste Erkenntnis: Gefühle fahren manchmal Achterbahn, und nur, weil Euphorie in Zweifel umschlägt, heißt das nicht, dass ich etwas nicht tun sollte. Diese kurze Reise hat mich wieder näher zu mir selbst gebracht und mir gezeigt, dass ich nicht nur Mama bin. Ich bin auch Ich. Die innere Ruhe, die ich gewonnen habe, klingt bis heute nach.
„Manches findet man nur, wenn man sich selbst wieder Raum gibt.“
Egal, ob du Kinder hast oder nicht. Wann hast du dich zuletzt als ganz du selbst gespürt?
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