Reisegefühle

 

Ein Blog über Reisen, die innerlich bewegen.

 

Hier geht es nicht um klassische Reiseberichte, sondern um die inneren Prozesse hinter meinen Reiseerfahrungen aus verschiedenen Lebensphasen – von Weltreise über Solo-Reisen bis hin zu Reisen als Mama und Familienreisen.

 

Daraus entstehen Erkenntnisse, die sich in Metaphern für das Leben zeigen.

 

Lass dich gerne für deine eigene "Lebensreise" inspirieren.

Porto mit Kindern – und wie weniger wieder mehr wurde

 
Eine Reise, die mir gezeigt hat, dass innere Ruhe nicht verloren geht, sondern wiedergefunden werden kann.

 

Letztes Jahr ist unsere Tochter auf die Welt gekommen und so wie schon mit unserem Sohn, unserem ersten Kind, waren mein Mann und ich uns einig, dass Reisen weiterhin Teil unseres Lebens sein soll. Mit Kleinkind und Baby wollten wir einen ersten Versuch wagen, wieder wegzufliegen. Und gleichzeitig war da diese Frage: Wie wird das diesmal werden mit zwei so kleinen Kindern? Ein Teil von mir wusste noch genau, wie schnell sich solche Situationen auch überfordernd anfühlen können.

 

Nach unseren bisherigen Erfahrungen wussten wir, worauf wir achten wollten, um entspannte Bedingungen zu schaffen. Eine kleinere Stadt sollte es sein, überschaubar, mit genug Raum für Pausen. Eine Kombination aus Stadt und Strand erschien uns ideal. Und vor allem: nicht zu heiß. Unsere Wahl fiel auf Porto und sie hätte besser nicht sein können.

 

Vor allem für mich war die Aussicht auf diesen Tapetenwechsel nach den intensiven ersten Monaten mit zwei Kindern unglaublich wertvoll. Die letzten Wochen hatten sich oft nach Funktionieren angefühlt. Wenig Raum für mich, viel im Außen und oft einfach nur durch den Tag kommen. Ich vermisste eine gewisse Leichtigkeit in meinem Alltag und dachte oft an meine Weltreise zurück. Wie frei ich mich damals gefühlt hatte. Und genau deshalb freute ich mich umso mehr auf dieses Losziehen.

 

Ankommen zwischen zwei Welten

Der Wecker läutete früh um 5.30 Uhr und ich erinnere mich an diesen kurzen Moment zwischen Schlaf und Aufbruch, in dem ich mich fragte, wie sich diese Reise anfühlen würde. Gleichzeitig war da aber auch dieses vertraute Gefühl. Dieses „Wir machen das einfach“, das uns schon durch viele Reisen getragen hat.

 

Mit zwei Reisebuggies, einem Trolley und zwei Rucksäcken machten wir uns mit den Öffis auf den Weg zum Flughafen. Und ich merkte schon da, wie überraschend ruhig es in mir war. Mein Herz war einfach erleichtert, dass wir wieder unterwegs waren.

 

Unser Sohn war inzwischen ein kleiner Flugprofi und freute sich, seiner Schwester alles zu zeigen. Wir hatten es uns im Flugzeug gerade gemütlich gemacht. Mein Sohn sah aus dem Fenster, mein Mann neben ihm, meine Tochter saß auf meinem Schoß und beobachtete neugierig alles um sich herum. Ich liebe diese Momente immer, in denen wir zwischen den Welten sind – noch nicht ganz da, aber auch nicht mehr zuhause. Denn genau in diesem Dazwischen breitet sich eine besondere Ruhe aus. Diese Ruhe war mir nicht neu. Ich kannte es von früher. Fast hatte ich vergessen, wie schnell sie wieder da sein kann.

 

Meine Tochter war während des Fluges recht unruhig. Nicht wegen des Ohrendrucks, sondern weil sie am liebsten jede Ecke des Flugzeugs erkundet hätte. Es war anders als erwartet. Ein kurzer Moment, in dem ich merkte, wie schnell ich gestresst sein hätte können. Und trotzdem blieb ich gelassen. Ich fragte mich, was diesmal anders war. Vielleicht hatten die Erkenntnisse unserer England-Reise ihre Wirkung behalten. Vielleicht wurde ich tatsächlich langsam besser darin, die Dinge so sein zu lassen, wie sie gerade waren, auch wenn sie nicht ideal waren. 

Es fühlte sich an, als säße ein kleiner Buddha mitten in meinem Brustkorb, der alles abfederte, was nicht zu mir gehörte.

 

Der erste magische Moment

Wir gestalteten uns ein bewusst langsames Ankommen: aus dem Flugzeug raus, ins Airbnb, Koffer abstellen, essen gehen, Lebensmittel einkaufen. Mehr brauchte es an diesem Tag nicht. Auch die Entscheidung gegen einen Mietwagen fühlte sich richtig an. Die Straßenbahn brachte uns überall hin und wir mussten nichts organisieren, nichts planen, nichts navigieren.

 

Am nächsten Tag gingen wir einfach los. Die Kinder in den Buggies, ein bisschen Proviant im Gepäck. Es war noch still in der Stadt, leicht kühl, und als wir bei der bekannten Brücke Ponte Dom Luís I. ankamen, wurden wir mit einem Ausblick belohnt, der mich kurz aus der Zeit fallen ließ. Dieser Blick über den Douro, diese Höhe über dem Fluss, dieses Gefühl von Offenheit. In mir entstand eine ungewohnte Weite. Als würde ich innerlich fliegen. 

 

Die Tage in Porto verschwammen ein bisschen. Sie fühlten sich alle gleich entspannt an. Mal waren wir am Strand, mal spazierten wir durch die Stadt, mal waren wir einfach nur unterwegs.

 

Momente, in denen ich etwas Vertrautes wiedergefunden habe

Ein Vormittag ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ich war alleine mit zwei Kinderwägen im Park unterwegs, während mein Mann eine Runde laufen ging. Früher hätte mich allein die Vorstellung schon gestresst. Zwei Kinder, zwei Wägen, langsames Tempo. Ich hätte es wahrscheinlich schneller machen wollen, um jede Ecke erkunden zu können. Und dann war es plötzlich ganz anders. 

Im Schneckentempo gingen wir durch den Park. Mein Sohn half mir beim Schieben der Buggies, lief voraus, kam wieder zurück. Er machte zwei Schritte vor, einen zurück. Wir lachten, machten ein Kinderwagen-Rennen, und irgendwann schoss mein Sohn ein Foto von mir zwischen hohen Bäumen. Und genau in dieser Langsamkeit hab ich etwas in mir selbst wiedergefunden: Ich bin wirklich angekommen in diesem Moment. Ohne etwas erreichen zu müssen. Ohne irgendwo hin zu wollen. Es war kein neues Gefühl. Und trotzdem überraschte es mich, wie selbstverständlich es wieder da war. In einem Moment, der so einfach und gleichzeitig so vollständig war.

 

Und dann gab es noch diesen anderen Moment.

Am Spielplatz unter der Seilbahn saßen wir am Boden, mein Mann und ich. Angelehnt an den Zaun, und schauten einfach nur zu. Unsere Tochter krabbelte neugierig auf ein Klettergerüst zu, unser Sohn war gerade dabei, die Rutsche zu erklimmen. Nichts Besonderes eigentlich. Ich weiß noch, wie ich dort saß und diesen klaren Gedanken hatte: Dass wir so vieles gemeinsam schaffen können. Dass wir uns aufeinander verlassen können. Dass es nicht perfekt sein muss, damit es gut ist. Sogar Reisen mit zwei kleinen Kindern konnte sich leicht anfühlen. Vielleicht, weil ich aufgehört habe, alles unterbringen zu wollen. Vielleicht weil mein Mann und ich uns so gut ergänzten und wir angefangen haben, Räume zu schaffen, in denen sich jeder von uns wiederfindet. Ich musste innerlich schmunzeln bei dem Gedanken, dass es manchmal gar nicht viel braucht, nur einen Ort, an dem die Kinder spielen können. Und ein bisschen Zeit. Einen Raum, in dem ihre Bedürfnisse genauso viel Platz haben wie unsere.

 

Aber nun zu meinem persönlichen Highlight:

Am letzten Abend wollte ich unbedingt noch den Sonnenuntergang bei der Brücke sehen. Mein Sohn wollte mit mir mitkommen. Mein Mann blieb mit unserer Tochter im Airbnb. Ohne es zu erzwingen, war da dieser spontante Raum nur für uns zwei. Wir gingen zuerst zum Spielplatz, doch ich merkte, wie sich das Licht langsam veränderte. Also machten wir uns auf den Weg zur Brücke. Ich hielt meinen Sohn am Arm, und gemeinsam standen wir dort auf der Brücke, während sich der Himmel färbte. Gelb, orange, rot – alles spiegelte sich im Fluss. In diesem Moment wurde es still in mir. Und alles, was sonst wichtig scheint, rückte für einen Moment ganz weit nach hinten. So friedlich war es schon lange nicht mehr in mir. Und gleichzeitig fühlte es sich so vertraut an. Es war einer der schönsten Sonnenuntergänge, die ich je gesehen habe. Nicht nur wegen der Farben, sondern wegen dieses gemeinsamen Erlebens. Ein Moment, in dem mein Sohn für einen Augenblick wieder ganz mein Großer war – nicht der große Bruder, sondern einfach er.

 

Was sich verändert hat

Diese Reise hat mir gezeigt, wie sehr sich meine Art zu reisen verändert hat. Früher wollte ich möglichst viel sehen. Möglichst viel erleben. Möglichst viel mitnehmen. Heute geht es mir mehr darum, wie es sich anfühlt und die Orte aus einer ruhigeren Perspektive wahrzunehmen.

 

Ich merke und erinnere mich wieder, dass die schönsten Momente nicht die sind, die perfekt geplant sind. Sondern die, in denen ich wirklich da bin und die, die ich früher vielleicht übersehen hätte. Das langsame Reisen hat mich wieder näher zu mir selbst gebracht. Vielleicht war genau das der entscheidende Punkt: Dass ich hingeschaut habe, was gerade möglich ist. 

 

Und wenn ich ehrlich bin, hat sich meine Art zu reisen gar nicht komplett verändert. Ich hab mich bloß in den Verpflichtungen des Alltags verrannt. Manchmal hatte ich mich in den letzten Monaten zurückgesehnt. In die Leichtigkeit von früher. In dieses innere Frei-Sein, das ich auf meiner Weltreise so oft gespürt habe. Dieses Unterwegssein ohne Verpflichtungen, ohne ständig an alles denken zu müssen. Mit zwei kleinen Kindern fühlt sich der Alltag ganz anders an. Und wahrscheinlich war genau deshalb Porto für mich mehr als nur eine Reise. Es war wie ein kurzes Reinschnuppern in dieses alte Gefühl. Nicht ganz so frei wie damals, aber nah genug, um mich daran zu erinnern, dass es noch da ist.

 

Seitdem fragte ich mich oft: Wie viel davon kann auch im Alltag Platz haben?

 

Und das Überraschende ist, jetzt, wo ich diesen Artikel schreibe: Über ein dreiviertel Jahr später merke ich, dass genau das möglich ist. Es klappt nicht immer, aber immer öfter.

 

Dieses Gefühl von Freiheit, nach dem ich mich so lange gesehnt habe, ist nicht an einen Ort gebunden. Es zeigt sich in kleinen Momenten, mitten im Alltag.

 

 

Wo in deinem Alltag darf es ein bisschen mehr Porto sein – ein bisschen weniger Druck und ein bisschen mehr Einfachheit?

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