Reisegefühle

 

Ein Blog über Reisen, die innerlich bewegen.

 

Hier geht es nicht um klassische Reiseberichte, sondern um die inneren Prozesse hinter meinen Reiseerfahrungen aus verschiedenen Lebensphasen – von Weltreise über Solo-Reisen bis hin zu Reisen als Mama und Familienreisen.

 

Daraus entstehen Erkenntnisse, die sich in Metaphern für das Leben zeigen.

 

Lass dich gerne für deine eigene "Lebensreise" inspirieren.

Ich war nicht mehr die Reisende von damals

 

Vier Wochen England mit Baby. Eine ehrliche Reiseerfahrung durch ein neues Lebensgefühl. Und die Erkenntnis, dass Leichtigkeit entsteht, wenn man das Jetzt annimmt statt dagegen anzukämpfen.

 

Mein Mann und ich reisen gerne. Reisen verbindet uns. Unterwegs sind wir ein richtig gutes Team. Als unser Sohn geboren wurde, war für uns klar: Damit hören wir nicht auf. Uns war bewusst, dass sich Reisen mit Baby verändern würde. Aber wir wollten unseren Sohn mit in unsere Welt nehmen. Also entschieden wir uns, im Überlappungsmonat der Karenz vier Wochen nach England zu reisen – unsere erste Reise als kleine Familie.

 

England ist ein Herzensort für mich und mein Mann liebt den Norden generell. Unser Sohn war zu Beginn der Reise 11 Monate alt – also noch ein Baby. In meiner Vorstellung lag ein Monat vor uns, in dem wir einfach gemeinsam unterwegs sein würden. Mit dem Mietwagen wollten wir von London zuerst in den Süden, dann weiter nach Bristol und später nach Manchester.

 

Die Vorstellung: Reisen wie früher – nur zu dritt

Der Flug verlief völlig unkompliziert. Unser Sohn fand das Abheben sogar lustig. Wir waren gut vorbereitet mit Schnuller, Fläschchen und Snacks. Am Ende brauchten wir kaum etwas davon. Ich dachte kurz: Vielleicht ist Reisen mit Baby gar nicht so kompliziert. Vielleicht passt es einfach gut in dieses Leben hinein.

 

Nach der Ankunft in London holten wir unseren Mietwagen ab und wurden direkt ausgebremst. Der Kindersitz war trotz Bestätigung nicht gebucht. Diskussionen, hohe Zusatzkosten, Telefonate und eine Stunde Verzögerung. Dann der Linksverkehr, der uns trotz Erfahrung forderte. Zusätzlich dauerte die Fahrt aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens doppelt so lange wie gedacht.

 

Am Abend saßen wir erschöpft im Airbnb, bauten das Babybett auf, machten alles kindersicher und versuchten einfach anzukommen. Heute würde ich sagen: Dieser Anreisetag hätte eine Pause gebraucht. Damals sind wir aber einfach weitergegangen.

 

Die nächsten Tage…

Die ersten Tage waren voll: Portsmouth, Brighton, Treffen mit Freunden von meiner Weltreise, ständig unterwegs. Es war alles schön und gleichzeitig zu viel.

 

Ich versuchte zu reisen wie früher, aber ich war nicht mehr die Reisende von damals. Mein Leben war inzwischen ein anderes geworden. Ich war nicht mehr nur Reisende, sondern auch Mutter. Früher zog ich einfach drauf los, machte kurze Pausen, in denen ich das Erlebte in Ruhe auf mich wirken ließ, ich setzte spontane Ideen einfach um und nutzte die Unterkunft meistens nur zum Schlafen.

 

Auch wenn mein Sohn die meisten Tage gut mitgemacht hat, war ein Teil von mir immer bei ihm. Sein Schlaf, seine Laune, sein Hunger immer im Hintergrund mitlaufend. Selbst in schönen Momenten war ich ein bisschen abgelenkt.

 

Reisen mit Baby

Ich glaube, der Tag, an dem wir die Cotswolds erkunden wollten, hat uns ziemlich klar gezeigt, wie sich unser Rhythmus verändert hatte. 

 

Wie jeden Morgen dauerte alles ein bisschen länger, bevor wir aus dem Haus kamen. Während ich noch versuchte, die Tasche zu packen, ist unser Sohn schon wieder dabei, etwas auszuräumen. Dann wurde gewickelt, gefüttert, umgezogen und während wir eigentlich schon loswollten, entstand wieder ein neuer Anfang.

 

Im Auto hatte er gerade erst eingeschlafen, als wir schon einparkten. Also blieben wir erstmal sitzen. Nicht fahren, nicht gehen, einfach warten, damit er zumindest ein bisschen Schlaf bekam. Ich nutzte diese Zeit, um mir eine kleine Pause zu nehmen, die Erlebnisse der letzten Zeit aufzuschreiben und genoss die Stille. Gleichzeitig war ich aber auch ungeduldig.

 

Später suchten wir einen Platz, an dem er krabbeln konnte. Einen Park, einen trockenen Weg, eine Bank, auf der wir kurz bleiben könnten. Alles richtete sich irgendwie nach ihm und irgendwo dazwischen versuchten wir unseren Tag zu behalten.

 

Am Abend kamen wir zurück ins Airbnb. Erschöpft und mit schönen Eindrücken. Aber der Tag war damit noch nicht vorbei. Jetzt begann der zweite Teil: spielen, essen, wickeln, ins Bett bringen. Das hieß für uns die letzten Energiereserven hervorholen, bevor auch wir uns entspannen konnten.

 

Als sich die Unruhe bemerkbar machte…

Am Ende der ersten Woche waren wir gerade im Auto am Weg zu unserem Airbnb in Bristol, da spürte ich zum ersten Mal eine deutliche Unruhe. Es war, als würde mein Körper nicht mehr stillstehen wollen. Innerlich war alles in Bewegung. Wie kleine Ameisen, die alle in verschiedene Richtungen liefen. Ich wollte ankommen und gleichzeitig schon das Nächste planen.

 

Innerlich wehrte ich mich dagegen, dass Reisen mit Baby langsamer ist, dass ich nicht mehr die Reisende war wie früher und dass sich einiges verändert hatte. Im Airbnb sagte mein Mann irgendwann trocken zu meinen Plänen für die nächsten Tage: „Übertreib halt nicht.“ Damals hätte ich ihn dafür am liebsten „gefressen“, weil er meinen Tatendrang nicht teilte.

 

Der Tag in Bath führte mir vor Augen, dass das Tempo einfach zu hoch war. Wir fuhren hin, weil das Wetter gut war, was ja selten ist in England. Die Stadt war schön, aber sie kam nicht bei mir an. Ich suchte nach etwas, das mich wieder „hochzog“, aber da war nichts. Wir liefen durch die Straßen, sahen Touristen, die zu den römischen Bädern wollten, und entschieden gemeinsam: „Da stellen wir uns nicht an.“ Zum ersten Mal dachte ich: Vielleicht wäre einfach eine Pause besser gewesen.

 

Mein Mann stellte mir später die Frage: „Willst du wirklich so reisen – gestresst und im Abarbeiten von Sehenswürdigkeiten?“

 

Und in diesem Moment wurde mir etwas klar, das ich nicht mehr wegschieben konnte. Es ging mir gar nicht darum, mehr zu sehen, sondern endlich anzukommen. Ich wollte mich nicht weiter antreiben, ich wollte die Reise richtig spüren. Ich begann mich bewusst zu fragen: Wie will ich mich eigentlich auf dieser Reise fühlen? Nicht mehr: Was müssen wir noch sehen? Sondern: Was brauche ich und was braucht meine Familie gerade wirklich?

 

Ich merkte, wie schwer mir Ruhe fiel. Sobald es still wurde, griff ich automatisch zum Handy, plante weiter, suchte Ablenkung. In mir war ein Widerstand gegen genau das, was ich eigentlich gebraucht hätte.

 

Etwas veränderte sich …

Gegen Ende der zweiten Woche veränderte sich etwas. Wir führten fixe Ruhetage ein. Tage ohne Plan. Am Anfang fühlte sich so ein Tag falsch an. Mein Mann und ich spielten gerade mit unserem Sohn am Boden im Airbnb und ich wollte am liebsten los. Mein Mann erinnerte mich daran, dass heute keiner dieser Tage war. Also blieb ich und hielt es aus.

 

Am Abend machte ich allein einen Spaziergang in der Nachbarschaft unseres Airbnbs. Es nieselte leicht und dämmerte schon. Ich war nicht mehr im Planen, nicht mehr im Stress. Und dann passierte etwas Kleines: Mein Körper wurde ruhiger, meine Schultern senkten sich, meine Schritte wurden langsamer. Ich atmete die frische, nasse Luft ein und zum ersten Mal war da kein „Was kommt als Nächstes“. Da war nur dieser Moment.

 

Rückblickend gesehen, war es nicht die Reise, die zu anstrengend war. Sondern mein Widerstand dagegen, dass sie anders war. Ich habe an einem Bild festgehalten, wie es sein sollte, und dabei übersehen, wie es wirklich war.

 

Die letzten Tage …

… verbrachten wir noch in Manchester und Milton Keynes. Es ging nicht mehr darum, möglichst viel zu sehen. Sondern darum, wie wir unterwegs sein wollten. Der Druck war weg.

 

Ich erinnere mich an Nachmittage in einem Café, an denen wir einfach dasaßen und uns über Kleinigkeiten amüsierten – über die Speisekarte, über das Wort „Espresso“, über Dinge, die keinen Zweck hatten außer leicht zu sein. Wenn wir müde waren, gingen wir zurück ins Airbnb. Ohne Diskussion, ohne das Gefühl, noch etwas „nutzen“ zu müssen. Einmal machten wir Palatschinken ohne Waage, ohne Rezeptgefühl, einfach so. An einem anderen Tag kauften wir nur eine Matratze fürs Babybett und ließen den Rest des Tages einfach sein.

 

Es war nichts Besonderes und genau das machte es vielleicht besonders. Wir funktionierten nicht mehr durch den Tag. Wir waren einfach darin. Und noch heute sagen wir manchmal, wie schön diese Tage, besonders in Manchester, waren. Weil es sich angefühlt hat wie Leben, nicht mehr wie Programm.

 

Am letzten Tag saß ich im Flugzeug, am Weg nach Hause und schrieb in mein Tagebuch: „This trip was awesome! I wanna do it again.“ Und das stimmt. Nur nicht so, wie ich es mir am Anfang vorgestellt hatte.

 

Kennst du das auch?

Vielleicht liest du das hier gerade und erkennst dich in manchen Momenten wieder. Nicht auf einer Reise, sondern mitten in deinem Alltag. Und du merkst, dass du Dinge noch so machst wie früher, obwohl du längst jemand anderes geworden bist.

 

Möglicherweise geht es im Leben nicht darum, mehr zu schaffen. Sondern darum, weniger dagegen anzukämpfen, was gerade ist. Und genau darin liegt etwas, das sich für mich nach Frieden anfühlt.

 

 

Wo in deinem Leben versuchst du gerade noch, etwas so zu machen wie früher, obwohl dein Leben längst ein anderes geworden ist?

 

Du möchtest informiert werden, wenn ein neuer Artikel erscheint?