Neun Jahre ist es her, dass ich meine erste Solo-Reise gemacht habe. Wenn ich heute darauf zurückblicke, staune ich, welche Wirkung dieser eine Schritt bis heute auf mein Leben hat.
Ich krame meine Tagebuch-Mitschriften heraus und erinnere mich an die Zeit vor meiner ersten Solo-Reise. Es war eine Zeit des Umbruchs, in der ich mir viele Fragen über mich selbst und meinen Weg stellte. Damals konnte ich mir kaum vorstellen, etwas ohne Gesellschaft zu unternehmen, wie eine Runde Fahrrad zu fahren. Es erschien mir wenig reizvoll. Alleinsein war für mich eher mit einem Gefühl der Leere und Einsamkeit verbunden als mit Freiheit. Unvorstellbar war es erst ohne Begleitung auf Reisen zu gehen.
Und doch gab es da eine leise Stimme in mir. Eine kleine Abenteurerin, die sich nach mehr sehnte. Diese Seite in mir bewunderte Menschen, die auf sich allein gestellt loszogen. Sie wirkten frei und ein Teil von mir wollte das auch sein.
Rückblickend erkenne ich, wie oft ich mich selbst zurückhielt, indem ich auf andere wartete. Ich machte vieles davon abhängig, ob jemand diesen Weg mit mir gehen wollte.
Heute sehe ich, dass ich damals nicht nur vor einer Reiseentscheidung stand. Ich steckte in einem Übergang. Zwischen Sicherheit und Wachstum, zwischen dem Vertrauten und dem, was möglich war.
Eine Bekannte sagte damals zu mir: „Warum immer auf die Anderen warten?“ Dieser Satz brachte mich zum Nachdenken. Er berührte etwas in mir, das ich bisher übergangen hatte.
Also erlaubte ich mir eines Tages, die Möglichkeit einer Solo-Reise ernsthaft in Betracht zu ziehen. Einige Tage später zog ich es nicht mehr nur in Erwägung. Ich traf eine Entscheidung und wollte es versuchen.
Schon damals nutzte ich unbewusst das Prinzip, Schritte als kleine Experimente zu betrachten, ohne Druck und ohne große Erwartungen. Ein Ansatz, der sich in Veränderungsprozessen bewährt.
Um mich selbst nicht zu überfordern, wählte ich eine kurze Dauer und eine kleine Stadt. Drei Tage auf eigene Faust unterwegs in Dublin. Das fühlte sich machbar an.
Wenige Wochen später saß ich in der S-Bahn, am Weg zum Flughafen. Ich war aufgeregt und nervös. Da fiel mir der Refrain eines Liedes ein. „I‘m so excited. And I just can’t hide it.“ Ich suchte das Lied auf meinem Streaming-Anbieter und drehte es gleich in voller Lautstärke auf. Während die Stadt am Fenster vorbeizog, ertappte ich mich mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Mir wurde bewusst: Ich war tatsächlich allein unterwegs.
Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, wie überraschend einfach es war mit Fremden in Kontakt zu kommen. Und noch mehr überraschte mich, wie viel Energie mir diese kurzen Begegnungen schenkten. So fand ich mich in einem typischen Pub mit irischer Live-Musik nach dem Abendessen am Nebentisch wieder - in Gesellschaft von Geschäftsleuten. In der berüchtigten Temple Bar tanzte ich und machte Fotos mit vielen fremden Menschen in Feierlaune. Ein aufgemaltes, grünes Kleeblatt an meiner Wange und ein Funkeln in den Augen.
Solche Begegnungen hinterließen ein Gefühl der Lebendigkeit in mir. Mein Herz strahlte.
Damals habe ich es einfach genossen. Ich dachte nicht darüber nach, warum es plötzlich so leicht war, mit neuen Menschen in Kontakt zu kommen. Mittlerweile liegt mir die Antwort glasklar auf der Hand: es war meine innere Einstellung. Ohne Gesellschaft unterwegs zu sein, veranlasste mich dazu offener zu sein. Kurze Wortwechsel führten zu längeren Gesprächen, weil ich mich darauf einließ.
Natürlich gab es auch kurze Augenblicke, in denen ich mich unsicher fühlte und mich fragte, wie ich wohl auf andere wirkte. Mittlerweile finde ich es fast absurd, dass ich früher Mitleid mit Menschen hatte, die ohne Begleitung im Restaurant aßen. Und nun war ich selbst alleine unterwegs - im Flugzeug, im Hotel, im Sightseeing-Bus, im Restaurant. Und trotzdem war ich alles andere als zu bemitleiden. Obwohl ich all das alleine tat, fühlte es sich okay an.
Ich glaube, da wurde mir bewusst, dass ich Alleinsein immer mit Einsamkeit gleichstellte.
Heute weiß ich: Einsamkeit hat nichts mit Alleinsein zu tun. Sie zeigt, dass uns gerade Verbindung fehlt. Alleinsein hingegen beschreibt nur eine Situation; man ist ohne andere Menschen. Vielleicht steckt im Wort „Alleinsein“ mehr, als ich damals dachte. Nicht Isolation, sondern die Möglichkeit, ganz bei sich zu sein und sich selbst wieder zu hören.
Ich habe es selbst erlebt. In Dublin fühlte ich mich nicht einsam, ich fühlte mich allein. Verbunden mit der Welt und mit mir selbst.
Eine andere kleine Hürde war der irische Akzent. Er brachte mich zum Schmunzeln. Manche Wörter verstand ich überhaupt nicht. Der Hotelier musste wohl gedacht haben: „Hat sie je Englisch gelernt?“
Heute, neun Jahre später, schaue ich mit viel Verständnis auf die Verena von damals zurück. Es hatte mich so viel Überwindung gekostet und ich bin sehr dankbar, dass ich mich getraut habe. Dass ich meiner inneren Sehnsucht zugehört habe. Ich ahnte nicht wie diese kleine Reise der Beginn von etwas Großem war – der Beginn einer Reise zu mir selbst.
Auf dem Heimweg spürte ich, dass sich etwas in mir bewegt hatte. Ich kehrte mit mehr Vertrauen in mich selbst zurück. Ich fühlte mich mutiger, selbstbewusster.
Noch im Flugzeug wusste ich: Das war nicht das letzte Mal und beim nächsten Mal wollte ich mir noch mehr zutrauen. Aus diesem Gedanken entstand kurz darauf die Buchung einer dreiwöchigen USA-Reise nur mit mir selbst. Und noch bevor ich überhaupt in den USA war, entstand schon die Idee für meine sechsmonatige Solo-Weltreise.
Inzwischen weiß ich: Wenn ich meiner inneren Sehnsucht folge, kann daraus etwas Größeres entstehen.
Mein größtes Learning aus dieser kurzen Zeit war, dass ich mir ruhig etwas zutrauen darf. Im Nachhinein war mir klar, dass ich eigentlich nie etwas zu befürchten hatte. Denn auch wenn ich solo unterwegs war, ich war nicht einsam. Ich war in guter Gesellschaft. In meiner eigenen.

Wo in deinem Leben wartest du noch auf jemanden, um etwas zu tun? Gibt es eine kleine Sehnsucht, die dir schon länger zuflüstert und du überhörst sie noch?
Ich begleite Menschen, die genau an so einem Punkt stehen. In Zeiten der Veränderung und des Umbruchs. Wenn Vertrautes nicht mehr passt, aber das Neue noch nicht greifbar ist. Wenn eine Sehnsucht spürbar ist und gleichzeitig Zweifel auftauchen. Manchmal braucht es nur ein kleines Experiment. Und jemanden, der den Raum dafür hält.
